1. Rostocker Vierbeinersymposium - 2015

Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.


Mit dem international anerkannten Verhaltensforscher Prof. Dr. Ádám Miklósi

Nie war die Forschung zum Hund und zum Hundeverhalten so nachgefragt wie im 21. Jahrhundert! An der Eötvös Universität Budapest, Ungarn arbeiten seit vielen Jahren Wissenschaftler um Prof. Ádám Miklósi an Projekten, die wegweisend für die internationale Hundeforschung sind.
Prof. Ádám Miklósi bekleidet in Budapest den Lehrstuhl für Ethologie. Er führt in dem „Familienhund-Projekt“ ein weltweites Team zur Erforschung des Verhaltens der Hunde.

Mit diesem ausgezeichneten und unumstrittenen Wissenschaftler hatten wir uns für unser 1. Vierbeinersymposium einen exzellenten Referenten ins Boot geholt! Er konnte an beiden Veranstaltungstagen mit seinem umfangreichen Wissen und fesselnden Vorträgen begeistern! Während Leute vom Fach, wie Hundepsychologen und Hundetrainer, Probleme in der Mensch Hund Beziehung lösen wollen, versuchen Forscher, diese Probleme zu verstehen! Diesen Unterschied machte Prof. Miklósi gleich zu Beginn seiner Vorträge am ersten Symposiumstag deutlich.

Um herauszufinden, wie die Domestikation den Wolf zum Hund werden ließ, stellte sein Team beispielsweise folgende Hypothese auf: „Der Hund hat sich an die menschliche soziale Umgebung angepasst und während dieses Prozesses hat er analog-menschliche Verhaltensweisen entwickelt!“ Um dieses Hypothese zu beweisen waren verschiedene Nachweise notwendig. Einerseits setzten die Forscher auf bereits vorhandene Erkenntnisse, wie die Vielfältigkeit der Gattung „Canis“ (Hundeartige) sowie deren weite Verbreitung auf der Erde und deren Lebensweise in sozialen Strukturen. Andererseits führten die Wissenschaftler vergleichende Studien an unter menschlicher Obhut aufgezogenen Wolfs- und Hundewelpen durch!
Eins zeigten diese Studien deutlich: auch Wölfe interagieren mit dem Menschen! Während Hunde schon im Welpenalter die Kooperation mit dem Menschen suchen, können die Wölfe dieses Verhalten durch einen engen sozialen Kontakt mit dem Menschen erlernen.
Dieser enge soziale Kontakt war es auch, den Prof. Miklósi mehrfach ansprach. Hunde wie Wölfe werden als Raubtiere geboren! Es ist falsch anzunehmen, dass ein Hundewelpe von Geburt an weiß, wie es in der Menschenwelt aussieht und wie er sich verhalten soll. Den Hund in die Menschenwelt zu integrieren, ihn zu sozialisieren, das ist Aufgabe des Menschen!

Am 2. Tag des Symposiums referierte Prof. Miklósi zum Problemlösungsverhalten und zum Lernen durch Nachmachen. Prof. Miklósi machte deutlich, dass die Problemlösung eng mit der Frage verbunden ist, ob Hunde denken können. Für Wissenschaftler ist es enorm schwierig, Prozesse zu untersuchen, die man nicht sehen oder messen kann.
Es existieren verschiedene Herangehensweisen der „Forscher des Geistes“! Einige Wissenschaftler beschäftigen sich mit den assoziativen Mechanismen, der Verknüpfung von Reizen mit einer anschließenden Reaktion. (z.B. Pavlov - Klassische Konditionierung) Zu diesen Mechanismen gehört beispielsweise auch der Klicker. Eine gezielte Arbeit mit derartigen Mitteln sieht Prof. Miklósi als gute Methode bei Hunden, die eine hohe Leistung erbringen müssen. Der normale Hund in der normalen Familie benötigt solche Mittel nicht. Er kann aus seiner Umgebung genug lernen und seine Erfahrungen sammeln.
Um Probleme zu lösen müssen Hunde gewisse mentale Fähigkeiten (Aufmerksamkeit, Absicht, Wissen und Verstehen) haben, die über konditionierte Reize hinausgehen! Die Kognition, das Vermögen, Informationen aus der Umwelt wahrzunehmen, daraus zu lernen, sich daran zu erinnern, seine Entscheidungen daraus zu treffen und danach zu handeln, spielt dabei eine explizite Rolle. Um spezifische Probleme zu lösen benötigt der Hund auch eine gewisse Intelligenz! Kognition und Intelligenz sind wiederum durch weitere Faktoren, wie die genetische Anpassung und das genetische Erbe sowie durch Erfahrungen beeinflusst. Bei seinen Ausführungen zu diesem Thema wies Miklósi wiederholt darauf hin, wie wichtig es für Hunde (und auch für Kinder!) ist, eigene Erfahrungen in ihrer Umwelt zu machen! Je mehr Erfahrungen ein Individuum hat, umso eigenständiger kann es mit unerwarteten Problemen umgehen!
An Hand von einigen Beispielvideos stellte Prof. Miklósi anschaulich dar, dass Hunde Probleme häufig mit Hilfe des Menschen lösen wollen – ihre Menschen quasi beim wiederholten Nichtgelingen „anfragen“! Ein weiteres Video beeindruckte alle anwesenden Gäste besonders. In diesem kleinen Film lernten sie die wahren „Problemlösekünstler“ unter den Caniden kennen, die australischen Dingos! In dem gezeigten Video war recht deutlich zu sehen, dass Tiere einen „Plan“ haben können und entsprechend danach vorgehen um letztendlich an ihr Ziel zu gelangen.

Hoch interessant waren die von Prof. Miklósi vorgestellten Studien über das Orientierungs – und Planungsvermögen des Hundes. Bei ihren Versuchsanordnungen bezogen sich die Forscher auf die Jagdtätigkeit der Wölfe, deren Erfolg von einem derartigen Vermögen abhängt.
Was hilft einem Tier, sich zu orientieren und das Problem der Jagd zu lösen?
Bei den Versuchen mit den Hunden waren den Wissenschaftlern wiederum Fragen wichtig, wie:
Wo habe ich ein Objekt zuletzt gesehen?
Wohin könnte sich dieses Objekt bewegt haben?
Wie sieht ein Objekt aus und aus welchem Material besteht es?
Dabei stellten die Forscher heraus, dass Hunde bestimmte Präferenzen haben. So werden beispielsweise Objekte relativ einfach wieder gefunden (auch mit Augenbinde), die sich im Raum nicht bewegen, trotzdem sich das „Umfeld“ um das Objekt herum verändert hat! Verändert das Objekt die Position, wird es mit der Augenbinde nur sehr schwer wieder gefunden. Eine weitere Präferenz ist Orientierung bei der Auswahl von Objekten erst an die Größe, dann an dem Material und dann erst an die Form. In diesem Zusammenhang erläuterte Prof. Miklósi die Schwierigkeiten, die bei derartigen Forschungen auftreten können. Die Ausbildung der Präferenzen beispielsweise kann durch Erfahrungen „verfälscht“ werden, was wiederum auch Forschungsergebnisse verfälschen kann. Außerdem können in wissenschaftlichen Arbeiten Fehler auftauchen, wenn ein Versuch aus der Sicht des Menschen ausgedacht wird und dabei wesentliche Faktoren einer hündischen Herangehensweise nicht berücksichtigt, wie z.B. die (zusätzliche) Orientierung nach Geruch oder Gehör! So lautete auch ein zusammenfassender Satz in Prof. Miklósis Präsentation zum Problemlöseverhalten:
Eine erfolgreiche Leistung kann von vielen Faktoren abhängen!
Diese Faktoren zu analysieren und aufzuarbeiten ist eine Frage von Daten, die der Wissenschaft heute allerdings nur im begrenzten Maße zur Verfügung stehen. Hier hoffen alle Wissenschaftler auf die Zukunft und auf eine weltweite Zusammenarbeit!

Seine Vorträge beendete Prof. Miklósi mit einem kurzen „Abstecher“ in das eigentlich sehr umfangreiche Themengebiet des Sozialen Lernens. Jeder Hundebesitzer, der schon über viele Jahre mehrere Tiere in seiner Familie hat, weiß, dass Hunde voneinander lernen. Die Wissenschaft beschäftigt sich seit ca. 10 Jahren mit diesem Thema. Gleiche Versuche wie beim Problemlöseverhalten zeigten, dass Hunde das Problem noch besser lösen können, wenn es jemand (Mensch oder Artgenosse) vormacht! Diese Art des Lernens ist für Tiere (über)lebenswichtig, um Informationen über ihre Umwelt zu erhalten. So erhalten Welpen schon nach der Geburt von der Mutter „Unterricht“!
Hunde können auch vom Menschen auf diese Art lernen. Leider war die Zeit sehr knapp und so ging der Referent nur auf die Trainingsmethode „Mach es mir nach“ ein und zeigte dazu einige Videos von trainierten Hunden.

Prof. Ádám Miklósi referierte an 2 Tagen eine geballte Ladung an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Nun obliegt es jedem Teilnehmer und Hundefreund, dieses Wissen für sich anzunehmen und umzusetzen!
Mit dem einzigartigen unumstrittenen Verhaltensforscher Prof. Ádám Miklósi als Referenten, einem idealen Hörsaal und dem entsprechenden Ambiente sowie begeisterten Befürwortern, Gästen und Helfern legte das Symposium die Latte des Anspruchs sehr hoch! So ist es Absicht, so sollte es sein! Möglich gemacht wurde dies durch eine gelungene Zusammenarbeit der Universität, der Tierklinik Rostock und dem Vierbeinerforum Rostock.

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2. Rostocker Vierbeinersymposium - 2016

Der Hund. Der Mensch.


Mit der Verhaltensbiologin Dr. Marie Nitzschner, der Tierärztin Sonja Wolken und der Hundetrainerin und Verhaltensberaterin Ute Rott

Das 2. Rostocker Vierbeinersymposium war ein aufregender und lehrreicher Tag!

Frau Dr. Feddersen-Petersen hatte kurzfristig krankheitsbedingt ihren Auftritt abgesagt und uns ganz schön ins Rudern gebracht.
Nach der ersten Schockstarre half uns Ute Rott, Hundetrainerin und Verhaltensberaterin! Mit ihrem Vortrag "Was hast Du gesagt" erklärte sie die praktische Seite der Missverständnisse in der Mensch-Hund-Kommunikation. Dabei wies sie auf ganz einfache Verhaltensweisen des Menschen insbesondere in seiner Körpersprache hin, die für den Hund ziemlich unverständlich sein können! Ein Beispiel ist das unbeabsichtigte Blockieren, mit dem wir sehr oft Hunden einen Weg versperren, den sie nehmen sollen oder wollen. Wer sich frontal zum Hund in eine Türe stellt, sagt ihm in aller Deutlichkeit: hier kommst du nicht rein.

Dr. Marie Nitzschner vom Max-Planck Institut Leipzig für evolutionäre Anthropologie übernahm kurz entschlossen am Nachmittag neben ihren 2 geplanten Vorträgen ein weiteres Referat zum Thema Mensch-Hund-Bindung. Die Bindungsdefinition von John Bowlby:
"Bindung ist das gefühlsgetragene Band, das eine Person zu einer anderen spezifischen Person anknüpft und das sie über Raum und Zeit miteinander verbindet" war dabei ihr Einstieg!

Die Antwort auf die Frage, ob es tatsächlich schlauere Hunderassen gibt, leitete sie in ihrem Eröffnungsvortrag "Wie schlau sind Hunde wirklich" logisch aus vielen Studien und Vergleichen zwischen Kindern, Menschenaffen und einzelnen Hunderassen ab. Die Antwort, dass es keine schlaueren Hunderassen gibt, haben wir doch schon immer gewusst, oder?

Des weiteren referierte Dr. Marie Nitzschner in einem Vortrag über die Mensch-Hund -Kommunikation und beantwortete die Frage, ob Hunde den Menschen verstehen. Auch hier griff sie auf eine Reihe von Studien zurück, die beispielsweise belegen, das Hunde Zeigegesten verstehen und sogar wissen, worauf das Auge des Menschen gerichtet ist! Da brauchen wir uns nicht wundern, wenn der Hund mal das eine oder andere Leckerstück klaut - wenn wir uns zwar im Raum befinden, unsere Augen jedoch auf unser Handy gerichtet sind, die Ablenkung pur!

Der Schutz vor Ektoparasiten gehört zu den heiß diskutierten Themen unter Hundehaltern. Um so besser, als uns aus berufenem Munde Zusammenhänge und Empfehlungen präsentiert wurden. Die schaurig-schönen Animationen der Lebenszyklen von Herzwurm und Co werden wir sicher nicht so schnell vergessen. Naja und mit den unliebsamen Zecken werden wir uns auch zukünftig häufig auseinandersetzen müssen, gibt es die doch schon Millionen von Jahren!

So hatten wir am Sonnabend drei Powerfrauen am Start, die ein abwechslungsreiches und spannendes Programm auf hohem Niveau präsentierten. Ein äußerst lehrreicher Tag!

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3. Rostocker Vierbeinersymposium - 2017


Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.

Ohne Menschen gäbe es keinen Hund!


17.06.2017, Kathrin Richter, Pfotenpenne/Vierbeinerforum Rostock

Schon geraume Zeit wissen die Menschen, dass sie einen großen Anteil an der Domestikation des Hundes, beginnend vor ca. 40 000 Jahren, hatten. Die beiden Wissenschaftler Daniela Pörtl und Christoph Jung gehen mit ihrem Modell der „Aktiven Sozialen Domestikation“ noch einen Schritt weiter und vermuten, dass Wölfe mit einer geringeren Fluchtdistanz selbst aktiv die Verbindung zum Menschen suchten, sich dem Menschen anschlossen und so zum Hund wurden.

Die Teilnehmer des 3. Vierbeinersymposiums am Samstag, den 17.06.2017, im Hörsaal der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock erhielten neben weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen auch diese geschichtlichen Einblicke in die Entstehung der Mensch-Hund-Partnerschaft.

Christoph Jung, Diplom Psychologe und Biologe, beleuchtete in seinem Referat mehrere von verschiedenen Experten angenommene Szenarien der Hundwerdung und stellte an Hand anthropologischer und weiterer wissenschaftliche Beweise dar, dass die Domestikation durchaus eine Koevolution der Spezies Mensch und Wolf, später dann Hund, sein könnte.
Er warf außerdem die Frage auf, ob die menschliche Zivilisation ohne Hund heute so weit entwickelt wäre. Denn: Wer half, das Nutzvieh zu domestizieren? Wer bewachte das Eigentum, so dass erst Privateigentum entstehen konnte? Wer gab durch seine Anwesenheit den Menschen Sicherheit, nahm ihnen Stress und förderte so den sozialen Zusammenhalt?

Die Neurobiologin Daniela Pörtl betrachtete in ihrem Referat die Domestikation aus neurobiologischer Sicht. Mensch wie Wolf teilten sich vor 40000 Jahren eine gleiche ökologische Nische. Beide verbanden (verbinden noch heute) gleiche biologische Aufstellungen, z.B. besitzen beide die gleichen neurobiologischen Strukturen eines Säugetiergehirns mit den Fähigkeiten zum sozialen Lernen, der Empfindung von Empathie und dem Verstehen, wie der andere denkt! Diese gleichen Aufstellungen ermöglichten eine positive stressmindernde Annäherung von Mensch und Wolf. Eine Verminderung der Stressachsenaktivität fördert unter anderem das soziale Lernverhalten und schaffte so letztendlich die Integration des Hundes in die menschliche Sozialstruktur.
Frau Pörtl verwies in ihrem Vortrag auf zahlreiche neuere wissenschaftliche Studien, die die Ähnlichkeit von Mensch und Hund beispielsweise in der Ausschüttung von denselben Hormone oder der Aktivierung selber Gehirnregionen belegen und auch nachweisen, dass wir Menschen in Anwesenheit unserer Hunde zufriedener, glücklicher und weniger gestresst sind!

Als weitere Referentin war die Verhaltensbiologin Dr. Marie Nitzschner in Rostock zu Gast. Sie ging in ihrem Referat der Frage nach, wie viel Wolf heute noch im Hund steckt. Sie stellte eindeutig heraus, dass Hund und Wolf zwar derselben biologischen Art: Canis lupus angehören, sich aber morphologisch (z.B. Farbvarianten, Zähne, Schädel), in ihrem Fortpflanzungsverhalten, in der Futterökologie und in ihrem Sozialverhalten(gegenüber gleichartigen und gegenüber dem Menschen) sowie im Verhalten allgemein deutlich voneinander unterscheiden. Anhand wissenschaftlicher Studien verwies sie auf Unterschiede beispielsweise im Problemlöseverhalten, bei dem der Hund nach nur wenig gescheiterten Versuchen immer Hilfe beim Menschen anfragt, während ein Wolf versucht, das Problem allein zu lösen. Der Hund wendet sich eher seinem Menschen als einem Artgenossen zu. Diese überartliche Kooperationsbereitschaft liegt den Hunden heute in den Genen. Wölfe hingegen sehen (in der Regel) im Menschen keinen Kooperationspartner.
Der Hund hat sich derart an den Menschen angepasst, dass er eigentlich eine eigene Art bildet, resümiert die junge Wissenschaftlerin.

Es gibt noch viel über das Verhalten unseres Hundes zu erfahren! Wenn man nachdenkt und versteht, wie der Hund einst entstanden ist, legt man den Grundstein für das Verstehen seines eigenen Hundes heute – das wurde auf dem 3. Vierbeinersymposium in Rostock sehr deutlich. Ebenso deutlich wurde auch, dass Wissenschaft sehr erfrischend sein kann, wenn sie die eingefahrenen (vorgegebenen) Wege verlässt, sich an Modelle und Vermutungen wagt und diese durch Studien und kluge nachvollziehbare Gedanken belegt. In diesem Sinne wird es auch 2018 ein nächstes Rostocker Vierbeinersymposium, wieder in Zusammenarbeit mit der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock, geben!

19.05.2017 - Lesen Sie hier ein aktuelles Interview mit Christoph Jung und Danliela Pörtl! Interview

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