Wissenschaft trifft Hund


Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.


Interview mit Christoph Jung und Daniela Pörtl, 19.05.2017.
Das Interview führte Kathrin Richter.

Vierbeinerforum: Die Wurzeln liegen bei Ihnen Beiden in der Humanmedizin – woher das Interesse am Hund?
C. Jung/D. Pörtl: Wir hatten beide schon von frühester Kindheit an ein inniges Verhältnis zu unseren jeweiligen Hunden. Dann kam das Forscherinteresse. Wenn man den Menschen und seine Entwicklung verstehen will, kommt man irgendwann, spätestens in der Steinzeit oder beim Thema stressmindernde Wirkung, auf den Hund. Wir Menschen leben seit mehr als 25.000 Jahren, vielleicht sogar 40.000 Jahren mit Hunden zusammen. Das ist eine unvorstellbar lange Zeit.

Vierbeinerforum: Sie wagen sich in Ihrem Buch an das in wissenschaftlichen Kreisen ziemlich umstrittene Thema der Domestikation heran – warum war Ihnen gerade dieses Thema so wichtig?
C. Jung/D. Pörtl: Praktisch jeder Mensch trifft täglich und ganz praktisch auf das Thema Domestikation. Viele haben Hunde oder Katzen. Wir sehen - zumindest in Gebieten bäuerlicher Landwirtschaft - Kühe auf der Weide, Hühner auf den Höfen. Zumindest werden wir täglich mit den Produkten von Domestikation konfrontiert: Fleisch, Milch, Eier, Wolle, Leder. Domestikation bedeutet immer Abbau von Stress sowie Erhöhung sozialer Toleranz. Der Mensch musste sich erst quasi selbst domestizieren, um unsere moderne Zivilisation auf¬bauen zu können. Im Widerspruch zu seiner Bedeutung – oder vielleicht gerade deswegen – wird das Thema Domestikation in der Wissenschaft bestenfalls am Rande behandelt.

Vierbeinerforum: Sie entwickelten das Modell der sozialen Domestikation – also fand der Prozess der Hundwerdung auf viel mehr Ebenen statt als bislang angenommen?
C. Jung/D. Pörtl: Der heutige Mensch versteht sich als Krone der Schöpfung. Da darf es nicht sein, dass ein Tier Einfluss auf den Gang unserer Geschichte genommen hat. Wir haben gute Argumente gefunden, dass Menschen und Hunde bzw. Wölfe in der Altsteinzeit einen gegenseitigen Lern- und Entwicklungsprozess durchgemacht haben. Ein Teil der Wölfe hat sich nach und nach aktiv der sozialen Struktur des Menschen untergeordnet und wurde so zum Hund. Das hat aber auch uns Menschen beeinflusst. Der Hund wachte und beschützte den Clan der Steinzeitjäger in der Nacht. Man konnte besser schlafen. Er bewirkte, dass die Jagden erfolgreicher wurden. Er half bei der Kindererziehung und dem Transport der Zelte zum nächsten Lagerplatz. Er wurde ein positiver, uns behütender Sozialpartner. So konnte der Mensch Stress im Kampf ums tägliche Überleben abbauen und sich mehr der Entwicklung von Kultur und Technik widmen. Insbesondere wurde er toleranter, konnte so ein breiteres Netzwerk und größere soziale Strukturen aufbauen.

Vierbeinerforum: Bei Ihrer Betrachtung der über 30.000 Jahre alten Mensch – Hund - Partnerschaft gehen Sie auch auf die Auswirkungen für den Menschen selbst ein – wurden die bislang unterschätzt?
C. Jung/D. Pörtl: Die Frage nach einer möglichen Auswirkung des Hundes auf die Entwicklung des Menschen wird völlig ignoriert. Überhaupt diese Frage zu stellen, geht nur außerhalb der Tagesordnung. Neben dem eben genannten Stressabbau, was unserer Meinung nach die wichtigste Auswirkung ist, sollte man sich einfach mal fragen, wie ein Mensch ohne die Hilfe des Hundes die ersten Ziegen domestiziert haben sollte. Diese nach dem Hund am längsten domestizierten Tiere, der Ausgangspunkt der Epoche der Viehhaltung, sind im unwegsamen Gelände jedem Menschen haushoch überlegen. Keine Chance diese unter Kontrolle zu halten, gäbe es nicht den vierbeinigen Helfer. Auch so scheinbar banale Sachen wie das Bewachen des ersten Privateigentums der Menschheit zählen hierzu. Der Hund bewachte Hof, Vorräte, Vieh, Wagen und Waren auch vor zweibeinigen Neidern. Privateigentum ist ohne wirkungsvollen Schutz nicht denkbar und vor tausend und mehr Jahren gab es weder Stacheldraht noch Videoüberwachung. Die Wissenschaft sollte einmal ernsthaft der Frage nachgehen, ob man nicht zumindest phasenweise von einer Co-Evolution sprechen kann.

Vierbeinerforum: Spiegelneuronen, Oxytocin, individualisierte Bindung – zwischen Mensch und Hund scheint viel mehr zu sein als nur eine Partnerschaft!?
C. Jung/D. Pörtl: Eine Partnerschaft ist ja schon was. Hundefreunde haben "immer schon" von der innigen wechelseitigen Beziehung zu ihrem Hund geschwärmt. Und wurden dafür lange Zeit von der Wissenschaft ausgelacht. Heute liefern die verschiedensten wissen-schaftlichen Disziplinen, seien es Hormonmessungen, Verhaltensbeobachtungen im Labor oder Messungen am Computertomografen oder fMRT, klare Belege, dass Menschen und Hunde ganz ähnlich ticken. Beide reagieren über die Artgrenze hinweg wie innerhalb ihrer eigenen Spezies. Hunde und Menschen sind real seelenverwandt.

Vierbeinerforum: In Familien mit Hund sind Kinder wie Erwachsene gesünder, in Anwesenheit unserer Hunde sind wir weniger gestresst, ausgeglichener und lernfähiger – warum hat ein Hund diesen Wohlfühleffekt auf uns?
C. Jung/D. Pörtl: Der Hund spendet eine positive soziale Beziehung. Das tut immer gut. Hund wie Mensch sind höchst soziale Lebewesen. Der Hund stellt keine Bedingungen für seine positive soziale Haltung uns gegenüber. Er nimmt uns so wie wir gerade sind. Er entschleunigt uns. Dieses Leben und Erleben im hier und jetzt haben wir heute meist verloren. Schließlich lässt uns der Hund ganz unbewusst eine archaische Bindung zu unseren Wurzeln in der Natur erleben. All das tut uns gut und baut Stress ab.

Vierbeinerforum: Dogs with Jobs! Sind in Zeiten von Motorisierung und Digitalisierung Hunde als Helfer für den Menschen noch wichtig?
  C. Jung/D. Pörtl: Auch heute noch ist die Jagd ohne den Helfer Hund undenkbar. Hunde arbeiten in vielen Bereichen rund um das Thema Sicherheit. Sie werden als Helfer in der Therapie eingesetzt. Als Assistenzhunde ermöglichen sie vielen Menschen mit Handicap ein selbstbestimmtes Leben. Hunde retten jedes Jahr unzähligen Menschen das Leben. Da ist es ein Hohn, wenn Medien und Politiker nur die Gefahren durch Hunde hervorheben. Die gute Nase der Hunde erriecht Krebs im Frühstadium oder Pilze in Bäumen bis hin zum Trüffel für die Gourmet-Küche.

Vierbeinerforum: Der Hund als bester Freund des Menschen – befinden wir uns heute in einer hundefreundlichen Zeit?
C. Jung/D. Pörtl: Es gab noch nie eine Zeit, wo sich die Menschen so plakativ ihres Tierschutzbewusstseins selber huldigen wie heute. In der Realität gab es jedoch noch nie eine restriktivere Zeit für Hunde als im heutigen Deutschland. Überall herrscht Leinenzwang, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Zeiten da unsere Hunde im Dorf frei herumlaufen konnten – im Übrigen, ohne dass das Probleme machte – sind vorbei. Wir wollen an das Jahr 2000 erinnern, wo Politik und Medien eine regelrechte Anti-Hund-Hysterie geschürt haben, in der nicht zuletzt ganze Hunderassen verteufelt und oft euthanasiert wurden. Die meist kriminellen Halter aggressiv gemachter, als Waffe missbrauchter Hunde ließ man hingegen laufen. In der Politik wird der Hund auch heute noch lediglich als Problem behandelt. Das bringt die Menschen aber nicht davon ab, die Partnerschaft zum Hund zu suchen und zu finden. Das Interesse der Menschen ist stark gestiegen, mehr über die Hintergründe dieses besonderen Verhältnisses zweier Spezies zu erfahren. Es ist wichtig, das Verständnis für unseren Hund als Partner mit all seinen Bedürfnissen zu beleben, damit unsere Zeit eine hundefreundliche Zeit bleiben kann.

Vierbeinerforum: Was sind neben dem Vierbeinersymposium im am 17. Juni 2017 in Rostock Ihre nächsten Projekte?
C. Jung/D. Pörtl: Wir bereiten gerade unsere Vorträge für die "Cultural Evolution Society Conference" in Jena und den "World Congress of Psychiatry" in Berlin, beide im Herbst 2017, vor. In Jena wollen wir zum Thema Co-Evolution vortragen. In Berlin werden wir über die Neurobiologie der Mensch-Hund Beziehung als Grundlage für die hundegestützte Therapie sprechen.

Vierbeinerforum: Was möchten Sie den Hundehaltern unbedingt mit auf den Weg geben?
C. Jung/D. Pörtl: Der Hund hat weniger ein Problem, uns zu verstehen, als wir, ihn zu verstehen; deshalb zuhören und hinschauen.

Daniela Pörtl

Daniela Pörtl studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und arbeitet seitdem als Ärztin im Bereich Neurologie/Psychiatrie. Sie erforscht die Mensch-Hund-Beziehung mit dem Schwerpunkt auf der neurobiologischen Ebene und entwickelte das "Model der aktiven sozialen Domestikation" und referierte hierzu auf mehreren internationalen Kongressen. Sie wohnt mit ihrer Familie und drei Hunden zusammen und ist in ihrer Freizeit aktive Schlittenhundeführerin.

Christoph Jung

Christoph Jung ist Diplom-Psychologe. Er studierte Biologie und Psychologie in Bonn bei Reinhold Bergler, dem Begründer der deutschen Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung. In einer Reihe von öffentlichen Gremien trat er für eine Wende in der Hundezucht ein. Zusammen mit Daniela Pörtl hat er 2015 das Buch "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" veröffentlicht, das mit einem interdisziplinären Ansatz die Co-Evolution und die Gesetzmäßigkeiten dieser einmaligen, so wundervollen Beziehung erforscht.