Wissenschaft trifft Hund

Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.


Vormittagsvortrag von der Autorin und Naturforscherin Elli Radinger : (Foto: E.H.Radinger)

Das Sozialverhalten der Wölfe

Strategie, Kommunikation, Loyalität, aber auch Neugier, Geduld, Liebe - Was uns Wölfe als soziale Familientiere lehren können! Beobachtungen und Lektionen aus einer erkenntnisreichen Zeit unter freilebenden Wölfen.

Von der Rechtsanwältin zur Wolfsforscherin und Autorin. Was bringt eine Frau dazu, ihren sicheren Job hinzuwerfen und mit wilden Wölfen zu leben? Elli H. Radinger hat ihren Traum zum Beruf gemacht. Dabei ist sie ganz nebenbei bei den Wölfen in die Lehre gegangen und hat alles von ihnen gelernt, was man für das Leben braucht. Strategie, Kommunikation, Loyalität, aber auch Neugier, Geduld, Liebe. Das sind nur einige der Lektionen: »Sie sind uns gar nicht so unähnlich: liebevolle Familienmitglieder, autoritäre aber gerechte Leittiere, mitfühlende Helfer, durchgeknallte Teenager und alberne Spaßvögel.« Bei ihren Beobachtungen hat die Autorin erfahren, dass der Wolf ein großartiger Lehrmeister ist, von dem wir manches im Leben lernen können. In ihrem Vortrag erzählt Elli H. Radinger aus ihrem Leben mit wilden Wölfen und berichtet, was sie von ihnen gelernt hat. Die Autorin liest aus ihrem Buch und berichtet außerdem über die Situation der Wölfe in Deutschland.

Mittagsvortrag von Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Publizist: (Foto: C. Jung)

Wie und warum fanden Mensch und Wolf zusammen?

Die soziale Domestikation des Hundes - ein begründetes Modell mit wissenschaftlichen Einblicken in die Anfänge einer Jahrtausende währenden Freundschaft, die heute auf dem Prüfstand steht!

Homo sapiens kam als invasive Spezies nach Europa. Er verdrängte zuerst den Neandertaler, bis heute den Wolf und alle weiteren großen Beutegreifer neben ihm. Es gibt eine Ausnahme: der domestizierte Wolf. Als Hund wurde er zur erfolgreichsten Spezies neben dem Mensch. Wie geschah das? Im Vortrag werden die verschiedenen Modelle so von Lorenz, Coppinger, Zimen vorgestellt und deren Grenzen aufgezeigt. Wölfe und Steinzeitmenschen stehen sich sehr nahe. Sie leben im gleichen Biotop. Sie jagen als Gruppe mit abgestimmten Rollen dasselbe Wild. Sie haben sehr ähnliche Sozialstrukturen und Kommunikationsregeln. Sie sind seelenverwandt. So lernte man sich über Generationen hinweg immer besser kennen, baute individuelle Beziehungen auf und begann schließlich zu kooperieren. Dass das möglich ist, haben wir neurobiologischen Mechanismen wie Spiegelneuronen, Empathie, Theorie of Mind und schließlich der Stressregulierung zu verdanken. Diese Mechanismen wirken bei Mensch und Hund sehr ähnlich - früher wie heute. Wie wir uns das vor mehr als 30.000 Jahren vorstellen können, werden wir im Vortrag erfahren. Der Hund wurde zum Helfer des Menschen bei der Jagd, zum Beschützer, zum Wächter. Der Hund machte die Viehhaltung erst möglich wie den Schutz der ersten privaten Besitztümer. Der Hund wurde Helfer der Bergleute, Handwerker und Bauern. Hunde genossen durch ihre Arbeit eine hohe gesellschaftliche Anerkennung. Früher durften die meisten Hunde frei herumlaufen, soziale Kontakte knüpfen, ihre Sexualpartner aussuchen. Heute werden sie zum Pet verzüchtet, sind unsere Hunde an der Leine und eingesperrt. Wir sind heute nicht so gut zu unseren Hunden, wie wir es uns gerne einbilden. Aber es braucht nicht viel, um diese Partnerschaft, ja Freundschaft wieder neu zu festigen.

Nachmittagsvortrag von Daniela Pörtl, Ärztin mit Schwerpunkt Neurologie und Psychiatrie (Foto: C. Jung)

Das soziale (Überlebens-)Konzept der Natur

Die individualisierte Bindung - Wissenschaftliche Erkenntnisse unter anderem aus der Neurobiologie und deren Bedeutung für die heutige Mensch-Hund-Beziehung!

Wie konnte ausgerechnet der Wolf als stärkster Konkurrent unserer Vorfahren zum besten Freund "mutieren"? Konnte allein genetische Selektion durch menschliche Hand den Hund "erschaffen"? Wahrscheinlicher ist, dass die Annäherung Wolf-Mensch als ein beiderseitiger Prozess aufgrund von natürlichen Mechanismen geschah, die beiden Spezies innewohnen. Wolf und Mensch sind hochsoziale Säuger, die ihre Artgenossen nicht nur für die Aufgaben der Lebensbewältigung brauchen, vielmehr auch für ihr seeliches Gleichgewicht. Wir werden erfahren, wie diese sehr ähnlich strukturierten Gehirne entstehen konnten, die solche Interaktion und Bindung erst ermöglichen. Die Neurobiologie kennt heute im Gehirn Stress- und prosoziale Funktionssysteme, ohne die Säugetiere nicht in der Lage wären, ihren Nachwuchs aufzuziehen und in sozialen Gruppen zu leben. Ist der Stress gering, zeigen wir uns freundlich und sozial; wir haben eine bessere Lernfähigkeit, eine vitalere Immunabwehr und höhere Fertilität. Die konkrete Ausprägung dieser Mechanismen wird durch die Epigenetik weitergegeben. Diese Mechanismen ermöglichen die enge Bindung zwischen Halter und Hund, die heute in der Aussschüttung von Hormonen oder der Aktivität von Hirnarealen neurobiologisch messbar ist. Sie begründen die Wirkung der hundgestützten Therapie. Sie bewirken, dass uns der Hund einfach gut tut. Hunde senken unsere Stressbereitschaft. Stress gilt als Auslöser für viele somatische und vor allem psychische Erkrankungen wie z.B. Depression. Zahlreiche Studien belegen die gesundheitsfördernde Wirkung des Hundes. Hunde fördern unser Sozialverhalten. Kinder lernen in Anwesenheit eines Hundes besser. Demenzpatienten zeigen eine verbesserte Alltagskompetenz. Hunde sind echte Beziehungspartner des Menschen, die zudem noch eine weitere Qualität einbringen: Sie bewerten uns nicht, sie lieben uns ohne Vorbehalt, sie führen uns ins "hier und jetzt". Der Mensch als zweckorientiertes Wesen einer hektischen Zeit erhält wieder Bezug zur Natur, aus der er sich seit der Altsteinzeit zunehmend herausgenommen denkt. Zum Glück hat er damals den Hund als Bindeglied zur Natur mitgenommen. Und vielleicht war es erst der Hund, der unsere Zivilisation überhaupt ermöglichte.

Wir freuen uns auf Sie in Rostock 2017!
Diese Veranstaltung ist eine Zusammenarbeit des Vierbeinerforums und der Universität Rostock!
(Programmänderungen vorbehalten!)

Samstag, 17. Juni 2017 von
09:00 Uhr bis 17:00 Uhr
Hörsaal der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock
Justus-von-Liebig-Weg 8,
18059 Rostock
Anmeldung: Kontaktformular!
Download Flyer!

Elli Radinger

Elli H. Radinger ist Fachjournalistin und Autorin zahlreicher Romane, sowie Fachbücher zum Thema Wolf & Hund. Seit 1991 gibt sie das Wolf Magazin heraus. Mehrere Monate im Jahr verbringt die Natur- forscherin und Wolfsexpertin in der Wildnis des amerikanischen Yellowstone-Nationalparks, um frei lebende Wölfe zu beobachten. Seit 1995 arbeitet sie dort im Wolfsprojekt mit.

Christoph Jung

Christoph Jung ist Diplom-Psychologe. Er studierte Biologie und Psychologie in Bonn bei Reinhold Bergler, dem Begründer der deutschen Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung. In einer Reihe von öffentlichen Gremien trat er für eine Wende in der Hundezucht ein. Zusammen mit Daniela Pörtl hat er 2015 das Buch "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" veröffentlicht, das mit einem interdisziplinären Ansatz die Co-Evolution und die Gesetzmäßigkeiten dieser einmaligen, so wundervollen Beziehung erforscht..

Daniela Pörtl

Daniela Pörtl studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und arbeitet seitdem als Ärztin im Bereich Neurologie/Psychiatrie. Sie erforscht die Mensch-Hund-Beziehung mit dem Schwerpunkt auf der neurobiologischen Ebene und entwickelte das "Model der aktiven sozialen Domestikation" und referierte hierzu auf mehreren internationalen Kongressen. Sie wohnt mit ihrer Familie und drei Hunden zusammen und ist in ihrer Freizeit aktive Schlittenhundeführerin.