Wissenschaft trifft Hund


Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.

Ohne Menschen gäbe es keinen Hund!


17.06.2017, Kathrin Richter, Pfotenpenne/Vierbeinerforum Rostock

Schon geraume Zeit wissen die Menschen, dass sie einen großen Anteil an der Domestikation des Hundes, beginnend vor ca. 40 000 Jahren, hatten. Die beiden Wissenschaftler Daniela Pörtl und Christoph Jung gehen mit ihrem Modell der „Aktiven Sozialen Domestikation“ noch einen Schritt weiter und vermuten, dass Wölfe mit einer geringeren Fluchtdistanz selbst aktiv die Verbindung zum Menschen suchten, sich dem Menschen anschlossen und so zum Hund wurden.

Die Teilnehmer des 3. Vierbeinersymposiums am Samstag, den 17.06.2017, im Hörsaal der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock erhielten neben weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen auch diese geschichtlichen Einblicke in die Entstehung der Mensch-Hund-Partnerschaft.

Christoph Jung, Diplom Psychologe und Biologe, beleuchtete in seinem Referat mehrere von verschiedenen Experten angenommene Szenarien der Hundwerdung und stellte an Hand anthropologischer und weiterer wissenschaftliche Beweise dar, dass die Domestikation durchaus eine Koevolution der Spezies Mensch und Wolf, später dann Hund, sein könnte.
Er warf außerdem die Frage auf, ob die menschliche Zivilisation ohne Hund heute so weit entwickelt wäre. Denn: Wer half, das Nutzvieh zu domestizieren? Wer bewachte das Eigentum, so dass erst Privateigentum entstehen konnte? Wer gab durch seine Anwesenheit den Menschen Sicherheit, nahm ihnen Stress und förderte so den sozialen Zusammenhalt?

Die Neurobiologin Daniela Pörtl betrachtete in ihrem Referat die Domestikation aus neurobiologischer Sicht. Mensch wie Wolf teilten sich vor 40000 Jahren eine gleiche ökologische Nische. Beide verbanden (verbinden noch heute) gleiche biologische Aufstellungen, z.B. besitzen beide die gleichen neurobiologischen Strukturen eines Säugetiergehirns mit den Fähigkeiten zum sozialen Lernen, der Empfindung von Empathie und dem Verstehen, wie der andere denkt! Diese gleichen Aufstellungen ermöglichten eine positive stressmindernde Annäherung von Mensch und Wolf. Eine Verminderung der Stressachsenaktivität fördert unter anderem das soziale Lernverhalten und schaffte so letztendlich die Integration des Hundes in die menschliche Sozialstruktur.
Frau Pörtl verwies in ihrem Vortrag auf zahlreiche neuere wissenschaftliche Studien, die die Ähnlichkeit von Mensch und Hund beispielsweise in der Ausschüttung von denselben Hormone oder der Aktivierung selber Gehirnregionen belegen und auch nachweisen, dass wir Menschen in Anwesenheit unserer Hunde zufriedener, glücklicher und weniger gestresst sind!

Als weitere Referentin war die Verhaltensbiologin Dr. Marie Nitzschner in Rostock zu Gast. Sie ging in ihrem Referat der Frage nach, wie viel Wolf heute noch im Hund steckt. Sie stellte eindeutig heraus, dass Hund und Wolf zwar derselben biologischen Art: Canis lupus angehören, sich aber morphologisch (z.B. Farbvarianten, Zähne, Schädel), in ihrem Fortpflanzungsverhalten, in der Futterökologie und in ihrem Sozialverhalten(gegenüber gleichartigen und gegenüber dem Menschen) sowie im Verhalten allgemein deutlich voneinander unterscheiden. Anhand wissenschaftlicher Studien verwies sie auf Unterschiede beispielsweise im Problemlöseverhalten, bei dem der Hund nach nur wenig gescheiterten Versuchen immer Hilfe beim Menschen anfragt, während ein Wolf versucht, das Problem allein zu lösen. Der Hund wendet sich eher seinem Menschen als einem Artgenossen zu. Diese überartliche Kooperationsbereitschaft liegt den Hunden heute in den Genen. Wölfe hingegen sehen (in der Regel) im Menschen keinen Kooperationspartner.
Der Hund hat sich derart an den Menschen angepasst, dass er eigentlich eine eigene Art bildet, resümiert die junge Wissenschaftlerin.

Es gibt noch viel über das Verhalten unseres Hundes zu erfahren! Wenn man nachdenkt und versteht, wie der Hund einst entstanden ist, legt man den Grundstein für das Verstehen seines eigenen Hundes heute – das wurde auf dem 3. Vierbeinersymposium in Rostock sehr deutlich. Ebenso deutlich wurde auch, dass Wissenschaft sehr erfrischend sein kann, wenn sie die eingefahrenen (vorgegebenen) Wege verlässt, sich an Modelle und Vermutungen wagt und diese durch Studien und kluge nachvollziehbare Gedanken belegt. In diesem Sinne wird es auch 2018 ein nächstes Rostocker Vierbeinersymposium, wieder in Zusammenarbeit mit der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock, geben!

19.05.2017 - Lesen Sie hier ein aktuelles Interview mit Christoph Jung und Danliela Pörtl! Interview

Christoph Jung


Christoph Jung ist Diplom-Psychologe. Er studierte Biologie und Psychologie in Bonn bei Reinhold Bergler, dem Begründer der deutschen Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung. In einer Reihe von öffentlichen Gremien trat er für eine Wende in der Hundezucht ein. Zusammen mit Daniela Pörtl hat er 2015 das Buch "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" veröffentlicht, das mit einem interdisziplinären Ansatz die Co-Evolution und die Gesetzmäßigkeiten dieser einmaligen, so wundervollen Beziehung erforscht.

Daniela Pörtl


Daniela Pörtl studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und arbeitet seitdem als Ärztin im Bereich Neurologie/Psychiatrie. Sie erforscht die Mensch-Hund-Beziehung mit dem Schwerpunkt auf der neurobiologischen Ebene und entwickelte das "Model der aktiven sozialen Domestikation" und referierte hierzu auf mehreren internationalen Kongressen. Sie wohnt mit ihrer Familie und drei Hunden zusammen und ist in ihrer Freizeit aktive Schlittenhundeführerin.

Dr. Marie Nitzschner


Dr. Marie Nitzschner ist Verhaltensbiologin und Wissenschaftsbloggerin. Ihr umfangreiches Wissen des Hundeverhaltens sowie über Studien der Mensch-Hund-Beziehung, an denen sie teilweise mitwirkte, gibt sie gerne als Bloggerin, Autorin und Dozentin weiter. Seit 2016 arbeitet sie als selbstständige Dozentin bei KynoLogisch